Jan Timme

Kuratiert von Jan Timme

31.10. – 19.12.2009
Strausberger Platz, Berlin

David Lieske, Jan Timme

Eröffnung: 30.10.2009, 19 Uhr

Das Werk von Jan Timme verfolge ich seit einigen Jahren und habe seit 2004 kontinuierlich Werke dieses aus meiner Sicht herausragenden Konzeptkünstlers erworben.
Die beschriebene Ausstellung umfasst ausschließlich Arbeiten aus der Sammlung und wurde vom Künstler mit größter Präzision selbst kuratiert und installiert. Dabei ist es Jan Timme gelungen, die Arbeiten, die ja ohne seine Einflussnahme erworben wurden, auf intellektuell spannende Weise ineinander zu verschränken.
Zur Ausstellung entwarf Jan Timme eine Edition, die sich nur phonetisch aufschlüsselt, deshalb heißt sie Audio piece. Es ist der aus einem South Park-Poster ausgeschnittene Timmy, der nur seinen Name sprechen kann, das allerdings auch noch nicht mal richtig: Er spricht den letzte Buchstaben als „e“. So wurde aus dem Poster-Ausschnitt die namentliche Ankündigung des Künstlers und der Ausstellung.
Mit dieser Arbeit korrespondiert die gerahmte Seite einer Zeitschrift, auf der Scarlett Johansson abgebildet ist. Die Überschrift des Artikels, „The season of blonde never fades“, wird vom Titel der Arbeit (Degrees of lightfastness of printing inks according to wool scale)ad absurdum geführt. Er erläutert die sogenannte Wollskala, welche die Lichtechtheit von Druckfarben klassifiziert.
Complices accomplis ist eine frühe Arbeit von Timme, die anlässlich der Ausstellung überarbeitet wurde. Die Uhr war bis zum Wechsel des Direktors fest in einem Fenster des Hamburger Kunstvereines installiert. Durch ihr anamorphotisch konstruiertes Zifferblatt definiert sie gleichzeitig einen bestimmten Platz für den Betrachter. Nur von diesem aus erscheint es in der gewohnten kreisrunden Form. Nachdem sie in Hamburg nicht mehr gewünscht war, wurde die Arbeit zur Reise-Uhr umfunktioniert und mit der Scheibe in einer dafür extra hergestellten Transport-Box nach Berlin gebracht.
Der Schriftzug Nothing is written (White) ist die farbliche Umkehrung der Arbeit, die sich eigentlich in der Sammlung befindet. Sie ist schwarz auf weißer Wand. Die Schrift wird von links nach rechts ein wenig kleiner, außerdem ist der Abstand zwischen dem „o“ und dem „t“ etwas größer, was die Bedeutung des Text-Inhaltes erweitert. Es geht also auch hier um leichte Verschiebungen in verschiedener Hinsicht.
Mit dem Coffee table coffee table hat es folgendes auf sich: Der klassische Coffee Table dient mitunter zur attraktiven Präsentation von sogenannten Coffee Table Books. Jan Timmes Coffee Table präsentiert sich demgegenüber selbst. Er ruht durch die Gravitation in sich, er „hält“, ohne dass auch nur eine einzige Schraube zur Befestigung eingesetzt werden musste. So ist er jedem anderen Tisch überlegen.
Die Arbeit There is enough magnesium in the human body to take a photograph (Installation shot) wurde bereits in der Haubrokshow less gezeigt. Der auf dem Foto abgebildete Text ist zuvor auf der Ausstellungswand installiert worden. Er wurde abfotografiert und anschließend wieder entfernt. Zu sehen ist jetzt nur noch das Foto der Wandarbeit. Würde das in einem Menschen vorhandene Magnesium ausreichen, um dieses Foto zu produzieren?
Jan Timme wurde 2005 zu einer Gruppenausstellung über den eher unbedeutenden englischen Dichter John Taylor (1580–1653) eingeladen. Der Titel Portrait of J.T. kann sich also sowohl auf John Taylor als auch auf den Künstler selbst beziehen. Das Polaroid-Foto zeigt ein Glas Alsterwasser (Radler), das sich in der Wand eines Lokals spiegelt. Um hiervon ein Foto zu schießen, warteten Künstler (und Alsterwasser) solange, bis ein nachts umherziehender Fotograf in die Kneipe kam und dann die Aufnahme machte. Diese Arbeit bezieht sich auf eine frühere, bei der der Künstler als Fotograf in einem Park darauf wartete, bis sich zwei Elstern so vor ihm positionierten, dass er ein Foto von ihnen schießen konnte.
Sag es treffender ist eine Gemeinschaftsarbeit mit David Lieske. Die sechs gezeigten Seiten sind identische Editionen und entstammen einem Handbuch sinnverwandter Wörter (A.M. Textor, Sag es treffender). Es geht um Synonyme von „gehorchen“ über „Geld“ und „Geliebte“ bis „gelingen“. Auch die Vitrine gehört zur Arbeit. In ihr werden die Editionen gezeigt, die zu dem Zeitpunkt, zu dem die Gesamtarbeit erworben wurde, noch nicht verkauft worden waren. Der umfang der Arbeit hängt also mit dem Zeitpunkt des Erwerbs zusammen.
Le temps tordu ist eine Herrenarmbanduhr, die zur Möbius-Schleife verdreht wurde. So wird aus einem exakten Zeitmessinstrument ein Symbol für die Unendlichkeit.
„Work is a four-letter word“ erklärt sich von selbst. Die Erkenntnis, dass Arbeit ein Schimpfwort ist, kann man nur nach Einbruch der Dunkelheit und bei entsprechender Beleuchtung erkennen. Der Titel der Arbeit, Five words, persifliert das ganze noch einmal.
Das zentrale Werk der Ausstellung umfasst den Leuchtkasten vor dem Eingang mit der Print-Werbung für einen Karussell-Diaprojektor, einen physisch vorhandenen Diaprojektor sowie einen an der wand befestigten CD-Spieler. Neben den formalen Entsprechungen (das Runde im Eckigen) gibt es natürlich auch einen inhaltlichen Zusammenhang. Es geht um die Erfindung des „Rades“ bei der Diaprojektion und dessen Markteinführung. Ausgangspunkt ist eine amerikanische TV-Serie über eine Werbeagentur (Mad Men), die u.A. eine Kampagne für das Karussell entwirft. Das entsprechende Präsentationsgespräch ist über den CD-Spieler zu hören. Der Leuchtkasten mit der Werbung für den Projektor ist ein mögliches Ergebnis der Werbekampagne. Der auf dem Boden stehende Projektor projiziert einen Text „in die Luft“, in dem ein Freund des Philosophen Bertrand Russells von dessen Hörschwäche – den daraus resultierenden Kommunikationsschwierigkeiten – und seiner Unfähigkeit im Umgang mit Geräten berichtet. Dieser Text ist jedoch nur dann lesbar, wenn man in der Mitte des Eingangs zum Showroom eine Projektionsfläche in den Lichtstrahl bringt. Das ist übrigens genau die Stelle, von der aus das „Magnesium-Foto“ nicht sichtbar ist. So schließt sich der Kreis.

Axel Haubrok

Werkliste

David Lieske & Jan Timme
Sag es treffender, 2004

Jan Timme
Audio piece, 2009

Jan Timme
Coffee table coffee table, 2009

Jan Timme
Degrees of lightfastness of printing inks according to wool scale: 1 = very poor, 2 = poor, 3 = moderate (summer: 4–8 days, winter: 2–4 weeks), 4 = fairly good (summer: 2–3 weeks, winter: 2–3 months), 5 = good (summer: 3–5 weeks, winter: 4–5 months), 6 = very good (summer: 6–8 weeks, winter: 5–6 months), 7 = excellent (summer: 3–4 months, winter: 7–9 months), 8 = maximum lightfastness (over 18 months), 2009

Jan Timme
untitled, 2009

Jan Timme
Nothing is written (White), 2002/09

Jan Timme
Complices accomplis, 2001/02/09

Jan Timme
There is enough magnesium in the human body to take a photograph (Installation shot), 2005

Jan Timme
Portrait of J.T., 2003/05

Jan Timme
Five words, 2002

Jan Timme
Le temps tordu, 2002