Links: Martin Boyce, Satellite (2014); Boden: Martin Boyce, Evaporated pools (2009); Hintergrund rechts: Martin Boyce, A partial eclipse (2012)
Links: Martin Boyce, Satellite (2014); Boden: Martin Boyce, Evaporated pools (2009); Hintergrund rechts: Martin Boyce, A partial eclipse (2012)
Links: Martin Boyce, Satellite (2014); Boden: Martin Boyce, Evaporated pools (2009); Hintergrund rechts: Martin Boyce, A partial eclipse (2012)
Links: Martin Boyce
Satellite, 2014

Boden: Martin Boyce
Evaporated pools, 2009

Hintergrund rechts:
Martin Boyce
A partial eclipse, 2012

Thoughts that breathe

6.10. – 18.12.2015
Fondation Hippocrène, Paris

Carol Bove, Martin Boyce, Bojan Šarčević, Markus Schinwald

Eröffnung: 19.10.2015, 18 – 21 Uhr

Über die Einladung in die Fondation Hippocrène, in dieses wunderbare Haus, sind wir sehr glücklich. Vom ersten Augenblick an war uns klar, dass wir auf diesen besonderen Ort mit einer besonderen Ausstellung reagieren müssen. Es lag nahe, Martin Boyce in den Fokus zu rücken – allein schon aufgrund seiner Verbindung zu Jan und Joël Martel. Als wir dann hörten, dass die Präsidentin der Fondation Hippocrène, Michèle Guyot-Roze, Martins Arbeit ebenfalls sehr schätzt, waren die Weichen für die Umsetzung unseres Konzeptes gestellt. Wir freuen uns sehr über die Gelegenheit zu dieser Ausstellung und sind überaus dankbar für die gute und professionelle Zusammenarbeit mit der Fondation Hippocrène.

Axel Haubrok


Die Ausstellung Thoughts that breathe in der Fondation Hippocrène rückt Arbeiten von Martin Boyce, Carol Bove, Bojan Šarčević und Markus Schinwald in ein neues Licht – eines, in dem Robert Mallet-Stevens gewirkt hat. Es ist ein schöner Zufall, dass die Ausstellung im Herbst stattfindet: in einer Zeit, in der es dunkler wird, in der das Licht verblasst, ähnlich wie wir die Moderne als eine vergangene, zum Teil verdrängte Zeit wahrnehmen, die uns aber immer weiter verfolgen wird. Denn ohne die klassische Moderne wäre die zeitgenössische Kunst heute so nicht denkbar.

Im Zentrum der Ausstellung Thoughts that breathe steht der schottische Bildhauer Martin Boyce (geboren 1967 in Hamilton, lebt in Glasgow). Seine Werke sind geprägt von der Auseinandersetzung mit Architektur, Design und Kunst der Moderne, die er mit subtilen Verweisen auf Film noir, Post-Punk-Musik und Poesie auflädt. Auf diese Weise schreibt er ihnen eine latent erzählerische Note zu und unterwandert so den Autonomieanspruch der klassischen Avantgarde, deren vermeintliche Errungenschaft es war, Werke unabhängig von Ort und Zeit zu gestalten. Boyce verknüpft die Träume, Ängste und Erinnerungen mit den Wertvorstellungen einer Ära, deren Rezeption bis heute einem ständigen Wandel unterworfen ist. „Meine Arbeit kreist nicht um die Recherche oder Enthüllung der Vergangenheit, sondern sie kidnappt das Bild, das wir von ihr haben, und transportiert es in die Zukunft, wo es sich in etwas anderes verwandeln kann.“
Seine Repliken modularer Regalsysteme von Charles und Ray Eames geben diesen Ansatz beispielhaft wieder. Boyce hat ihre Einzelteile so kombiniert, dass die Ergebnisse ihren Zweck als Container nicht mehr erfüllen, sondern nur noch wie kaputte oder korrupte Wiedergänger ihrer Originale im Raum stehen.
So lässt die schwarze Regalvariante You are Somewhere inside (2000) auf jeder Etage ein Modul aus, man kann nur ahnen, was sich innen verbirgt. Die weiße Version White disaster (2000) ist an einer Seite angebrannt und wirkt wie die heruntergekommene Wohnmaschine aus einem sozialen Problembezirk.
In Anspielung auf die dunkle Seite Hollywoods, die im Film noir verhandelt wird, spricht Boyce von einem Design noir: Es deckt die Untiefen der Wohlstandsgesellschaft auf, mit der die Designklassiker heute als Statussymbole verbunden sind.
Auch die Lüftungsgitter Sounds and silences wrought into iron and air (2011) deuten auf die unsichtbaren, geheimnisvollen Vorgänge, die sich in den Schächten und Rohren von Wohnhäusern verbergen. Vier von ihnen sind hier über die Räume verteilt in Wände eingelassen. Ihr Design greift die kubistische Formensprache der vier Betonbäume von Jan und Joël Martel auf, die die Brüder 1925 in einem Garten von Robert Mallet-Stevens aufstellten. Die Bäume heben den Widerspruch zwischen poetischer Naturdarstellung und Industrieästhetik, Rationalität und Urwüchsigkeit auf – der Garten wird zum Hybrid aus Landschaft und moderner Bauform.
Dasselbe Design findet sich auch in der Papiercollage Thoughts that breathe (2011) und den aus Krepppapier gefertigten Blättern Evaporated pools (2009), die über alle Räume verteilt am Boden liegen, als hätte der Herbstwind sie durch die Ausstellung geweht. Bei genauer Betrachtung erkennt man sogar, dass jedes einzelne Blatt eine kleine Replik der Betonbäume der Brüder Martel ist: ein papiergewordenes Abbild der Bäume, die in unmittelbarer Nähe des Ausstellungsortes aufgestellt waren und die für die Formensprache von Martin Boyce so zentral sind.
Um Widersprüche geht es auch bei Satellite (2014): Gestapelte rostige Stahlstühle und -tische, wie sie am Ende einer Strandsaison vor verschlossenen Restaurants zu finden sein könnten, werden von einer Kette zusammengehalten: eine sentimentale Szenerie. Die Form erinnert aber auch an einen Sputnik, einen der russischen Satelliten, die in den 50er-Jahren erstmals die Erdumlaufbahn erreichten. Boyce spricht von dem „Moment, in dem funktionale Objekte zu etwas anderem werden“ und von einem „Arrangement, das die Vergangenheit so lange einfriert, bis sie wieder zum Leben erweckt wird“. Wichtig ist ihm dabei die Erinnerung als ein von der Gegenwart losgelöstes Moment: Die Skulptur steht im Ausstellungsraum „wie ein Geisterschiff auf See“.
Eine ähnliche Atmosphäre von Verlassenheit verbreiten die drei Leuchtstoffröhren, die an Ketten von der Decke herabhängen. In seiner Komposition erinnert untitled (after Rietveld) (1999) an die Formensprache des niederländischen Designers Gerrit Rietveld, wirkt aber zugleich lapidar und wie zufällig zusammengefügt. Auch hier scheint es, als wären die Module „erst slapstickhaft zerfallen und dann plötzlich zu etwas anderem geworden“. Aus dem Diktum „Form follows function“ wird ein Zufallsprinzip: Form falls into place.
Die Fotografieserie A partial eclipse (2012) ist als Referenzquelle und Kernpunkt von Boyces Skulpturen zu verstehen. Entstanden auf Reisen, in Hotelzimmern oder beim Blick aus dem Auto, filterte der Künstler aus den Aufnahmen urbaner Gestaltungssituationen – Parkbänke, Hotelfassaden, Innenhöfe – das Licht heraus. Die Fotos wirken dadurch melancholisch, düster und geheimnisvoll und stellen den maroden Charakter in nuce heraus, der Boyces Arbeit generell innewohnt. Der Titel der Serie lehnt sich an diese dunkle Tönung an und verweist zugleich auf die Aufnahme des runden Fensters des Maritime Hotels in New York: Halb abgedunkelt von einem Vorhang erinnert es an eine Sonnenfinsternis oder eine Kameralinse.
Es ist diese latente Präsenz von Vergänglichkeit, von der Erinnerung an etwas, das einmal in die Zukunft gerichtet war, die Boyce‘ Werk einen romantischen Zug verleiht. Er treibt die Geister der Moderne vor sich her – so wie der Wind die Papierblätter durch die Ausstellung.

Auch Bojan Šarčević (geboren 1974 in Belgrad, lebt in Berlin) geht es um Phänomene, die unsere Lebenswelt durchziehen: Architektur, Natur, Körper. Konkrete Anhaltspunkte oder Verweise auf bestimmte Orte oder Personen gibt es nicht – vielmehr transportiert seine Bildsprache die Fragilität und Vergänglichkeit, die mit solchen Strukturen verbunden ist.
Something dark sea green Is jutting (2006) und Something tan is nodding (2006) sind zwei zarte Mobiles aus Garn und Messing. Darin ist eine gewisse Parallele zur Kalligrafie zu entdecken, aber auch zu einem Balanceakt, wie er etwa beim Erklettern einer Felswand zu leisten ist. Šarčević will jedoch kein eindeutiges Bild evozieren, sondern vielmehr ein Gespür wecken für die Fragilität volatiler Situationen allgemein.
Der ephemere Charakter fast aller Arbeiten Šarčević‘ zeigt sich besonders in dem Video Miniatures (2002): Der Künstler fährt in einem Auto durch Pariser Vororte und skizziert seine Eindrücke von Gebäuden auf die beschlagene Windschutzscheibe. Der Raum, den er durchquert, wird so ein weiteres Mal vermessen – ohne geografische Anhaltspunkte basieren die Kompositionen allein auf einem Gefühl für die Bewegungsbahnen durch die Stadt. Ein wenig erinnern sie an die Zeichnungen Paul Klees, in denen Linien zu Analogien von Wegen und Richtungen werden.

Wenn Carol Bove (geboren 1971 in Genf, lebt in New York) sich mit der modernistischen Kunst- und Gesellschaftsgeschichte befasst und dabei den Bogen zu Literatur, Design und Architektur schlägt, blickt sie besonders auf die 60er- und 70er-Jahre. Bove wuchs in Berkeley/Kalifornien auf, wo die Entstehung einer Gegenkultur – Hippie- und Frauenbewegung, psychedelische Popmusik, sexuelle Revolution – besonders spürbar war.
Diese Zeit reflektiert sie in vielen Arbeiten anhand von Artefakten und Publikationen, die sie auf minimalistisch-eleganten Displays arrangiert: Bücher, Magazine oder Pfauenfedern vom Flohmarkt sowie an den Ufern ihrer Heimat Brooklyn aufgelesenes Treibholz und Muscheln inszeniert sie wie historische Artefakte auf Regalsystemen oder Betonplattformen, die auf feingliedrigen Metallgestellen sitzen. Diese Podeste besitzen einen ästhetischen Charakter, der auf einen institutionellen Präsentationsrahmen anspielt. So gleicht die Installation Vege-tables (Land and sea) (2003) trotz ihrer reduzierten Erscheinung beinahe der sakralen Darbietung einer wertvollen Schrift.
Und die beiden filigranen Stehlampen aus Stahl und Messing (untitled (2010)) erinnern einerseits an das technische Equipment einer Ausstellungssituation, andererseits an moderne Designklassiker, die man seit den 60er-Jahren ebenso gut in kalifornischen Villen wie in westdeutschen Wohnzimmern findet.
Boves atmosphärisch dichte Ensembles und auch ihre einzelnen Skulpturen fangen den Geist dieser Ära ein und evozieren die Erfahrung, die wir vor Ausstellungsstücken im Museum machen können: Objekte fungieren dort als Platzhalter für eine Vergangenheit, die wir selbst nicht erlebt und von der wir lediglich vage Vorstellungen haben. Durch Medien und Museen ist sie jedoch von Mythen und Geschichten geprägt, die uns ihr erstaunlich nahe bringen können.

Markus Schinwalds Arbeit kreist um den menschlichen Körper und seine Befindlichkeiten. Möbel und Mode, Puppen und Porträtmalerei werden bei ihm zu prothesenhaften Darstellern mit eigentümlich verrenkten, verqueren Körpererscheinungen. „Ich versuche nicht, den Menschen ihre Persönlichkeit zu rauben, sondern Objekten ebenfalls eine Persönlichkeit zu verleihen.“
Die Serie von Holzskulpturen untitled (Legs) (2009), von der in Thoughts that breathe die Nummer 8 zu sehen ist, macht dies besonders deutlich: Die Chippendale-Tischbeine werden so auf Holzsockeln montiert, dass sie an gespreizte menschliche Beine erinnern: Objekte, die in ihrer stützenden Funktion eine körperliche Qualität aufweisen, werden selbst zum Körper.
In dieser somatischen Aufladung klingt ein freudianischer Unterton an, der bei Schinwald (geboren 1973 in Salzburg, lebt in Wien) immer wieder vorkommt. Ihn fasziniert die bürgerliche Enge des 19. Jahrhunderts, die solche Gegenstände transportieren, ebenso wie die technologischen Errungenschaften dieser Zeit: Der menschliche Körper wird plötzlich mit Apparaturen in Verbindung gebracht, die ihn ersetzen und auf seine Verletzlichkeit deuten. Dinge erscheinen auf einmal belebt und verwandeln sich in sexuell aufgeladene Fetische. Die Künstler des Surrealismus wie Hans Bellmer oder Man Ray und später Konrad Klapheck oder Louise Bourgeois setzen sich mit diesen unbewussten Wahrnehmungsmechanismen und psychologischer Durchdringung von Dingen und Körpern auseinander.
Schinwald arbeitet in dieser Tradition, indem er Gegenständen Leben einhaucht. Seine Skulpturen wirken problembehaftet und nervös, versehrt und doch verlockend. Präsentiert auf einem Holzsockel, stellen die Beine des Chippendale-Tisches ihre Dysfunktionalität aufreizend zur Schau – die Abweichung von der Norm wird zum Idealzustand.

Gesine Borcherdt

Vordergrund: Martin Boyce, Satellite (2014); Boden: Martin Boyce, Evaporated pools (2009)
Vordergrund: Martin Boyce, Satellite (2014); Boden: Martin Boyce, Evaporated pools (2009)
Vordergrund: Martin Boyce, Satellite (2014); Boden: Martin Boyce, Evaporated pools (2009)
Vordergrund: Martin Boyce
Satellite, 2014

Boden: Martin Boyce
Evaporated pools, 2009
Links: Martin Boyce, Thoughts that breathe (2011); Boden: Martin Boyce, Evaporated pools (2009)
Links: Martin Boyce, Thoughts that breathe (2011); Boden: Martin Boyce, Evaporated pools (2009)
Links: Martin Boyce, Thoughts that breathe (2011); Boden: Martin Boyce, Evaporated pools (2009)
Links: Martin Boyce
Thoughts that breathe
2011

Boden: Martin Boyce
Evaporated pools, 2009
Vordergrund: Markus Schinwald, untitled (Legs) #8 (2009); Hintergrund: Martin Boyce, Sounds and silences wrought into iron and air (2011)
Vordergrund: Markus Schinwald, untitled (Legs) #8 (2009); Hintergrund: Martin Boyce, Sounds and silences wrought into iron and air (2011)
Vordergrund: Markus Schinwald, untitled (Legs) #8 (2009); Hintergrund: Martin Boyce, Sounds and silences wrought into iron and air (2011)
Vordergrund: Markus Schinwald
untitled (Legs) #8, 2009

Hintergrund: Martin Boyce
Sounds and silences wrought
into iron and air, 2011
Vordergrund: Carol Bove, Vege-tables (Land and sea) (2003); Hintergrund: Markus Schinwald, untitled (Legs) #8 (2009)
Vordergrund: Carol Bove, Vege-tables (Land and sea) (2003); Hintergrund: Markus Schinwald, untitled (Legs) #8 (2009)
Vordergrund: Carol Bove, Vege-tables (Land and sea) (2003); Hintergrund: Markus Schinwald, untitled (Legs) #8 (2009)
Vordergrund: Carol Bove
Vege-tables (Land and sea) 2003

Hintergrund: Markus Schinwald
untitled (Legs) #8, 2009
Carol Bove, Vege-tables (Land and sea) (2003)
Carol Bove, Vege-tables (Land and sea) (2003)
Carol Bove, Vege-tables (Land and sea) (2003)
Carol Bove
Vege-tables (Land and sea) 2003
Bojan Šarčević, Something tan is nodding (2006)
Bojan Šarčević, Something tan is nodding (2006)
Bojan Šarčević, Something tan is nodding (2006)
Bojan Šarčević
Something tan is nodding
2006
Martin Boyce, untitled (after Rietveld) (1999)
Martin Boyce, untitled (after Rietveld) (1999)
Martin Boyce, untitled (after Rietveld) (1999)
Martin Boyce
untitled (after Rietveld), 1999
Vordergrund: Martin Boyce, A partial eclipse; Hintergrund: Martin Boyce, Sounds and silences wrought into iron and air (2012)
Vordergrund: Martin Boyce, A partial eclipse; Hintergrund: Martin Boyce, Sounds and silences wrought into iron and air (2012)
Vordergrund: Martin Boyce, A partial eclipse; Hintergrund: Martin Boyce, Sounds and silences wrought into iron and air (2012)
Vordergrund: Martin Boyce
A partial eclipse, 2012

Hintergrund: Martin Boyce
Sounds and silences wrought
into iron and air, 2011

Werkliste

Carol Bove
untitled, 2010

Carol Bove
untitled, 2010

Carol Bove
Vege-tables (Land and sea), 2003

Martin Boyce
Satellite, 2014

Martin Boyce
A partial eclipse, 2012

Martin Boyce
Sounds and silences wrought into iron and air, 2011

Martin Boyce
Thoughts that breathe, 2011

Martin Boyce
Evaporated pools, 2009

Martin Boyce
Phantom limb (Sister), 2003

Martin Boyce
White disaster, 2000

Martin Boyce
You are somewhere inside, 2000

Martin Boyce
untitled (after Rietveld), 1999

Bojan Šarčević
Something dark sea green is jutting, 2006

Bojan Šarčević
Something tan is nodding, 2006

Bojan Šarčević
Miniatures, 2002

Markus Schinwald
untitled (Legs) #8, 2009