vorwort

nach sechs jahren ausstellungstätigkeit am strausberger platz in berlin suchten wir 2012 für unsere kunstsammlung ein neues zuhause in einem interessanten architektonischen umfeld. wir dachten an einen gebäudeflügel oder hinterhof in einem der klassischen werkhöfe berlins. gefunden haben wir einen circa 18.000 quadratmeter großen gewerbehof mit dreizehn größtenteils aus den fünfziger- jahren stammenden gebäuden in lichtenberg, im osten berlins: die ehemalige FAHRBEREITSCHAFT des zentralkomitees der sed – mitten in einem heruntergekommenen industriegebiet, nur zur hälfte genutzt, die gebäude in mäßigem zustand, voller autowracks. und eigentlich viel zu groß für uns.

als wir die FAHRBEREITSCHAFT mit ihrem ganz eigenen charme entgegen vieler gutgemeinter ratschläge noch im selben jahr erwarben, war uns eigentlich sofort klar, dass wir das gelände und die gebäude so weit wie möglich erhalten wollten. nichtsdestotrotz musste der jahrzehntelange verfall gestoppt werden, um die bedingungen für die mieter und die nutzbarkeit zu verbessern. das betraf zum beispiel die dächer, fenster, heizungen, haustüren und sanitäranlagen.
es ging uns nicht darum, ein weiteres ddr-museum zu errichten. wir wollten die geschichte des ortes zwar sichtbar bewahren, ihn jedoch gleichzeitig auch in die gegenwart überführen – dort, wo eingriffe erforderlich wurden, sollten sie auf der höhe der zeit stattfinden. dieser spagat hatte zur folge, dass bei jeder renovierungsmaßnahme erneut nachgedacht werden musste: was ist erhaltenswert, was nicht? wie werden sanitäranlagen renoviert, wie die fenster? wie vertragen sich moderne sicherheitstüren mit historischen gebäuden? es gab kein vorbild, an dem wir uns orientieren konnten.
entscheidungen wurden immer wieder umgeworfen. das sieht man übrigens noch heute in haus 12: ursprünglich wollten wir das treppengeländer abschleifen und neu streichen lassen. weil die freigelegten farbschichten aber die geschichte der FAHRBEREITSCHAFT wunderbar sichtbar machen, haben wir den prozess mittendrin gestoppt.

als wir nach lichtenberg kamen, waren in der herzbergstraße 40–43 hauptsächlich gewerbetreibende rund um das „auto“ ansässig, dazwischen einige wenige künstlerateliers. unser erster gedanke war es, mit der FAHRBEREITSCHAFT perspektivisch einen reinen kunststandort zu schaffen. doch wir haben schnell beschlossen, die vorhandene mischung aus gewerbe und kunst zu erhalten und nur behutsam weiterzuentwickeln.

wir freuen uns sehr, dass auch heute noch viele der damaligen mieter bei uns auf dem gelände tätig sind. nur wenige sind gegangen, dafür sind viele interessante mieter neu hinzugekommen.

durch die mischung von kreativität und handwerklichem gewerbe wurde auch für unsere kunstsammlung ein spannendes umfeld geschaffen. die mehr als zwanzig ausstellungen, die wir in den jahren von 2013 bis 2018 in lichtenberg durchgeführt haben, fanden an äußerst unterschiedlichen orten auf dem gelände statt: im ehemaligen teilelager, in der kantine, in verschiedenen garagen, in der sogenannten einsatzleitung, im pförtnerhaus sowie im wein- und heizungskeller. immer wieder entstanden so besondere verbindungen zwischen dem flair der räume und unserer konzeptkunst, die eigentlich so gar nicht auf einen alten ddr-autohof passt.

für die künstler, die im laufe der jahre zu uns kamen, machten diese verbindungen einen speziellen reiz aus – auch weil wir versucht haben, dienstleister für künstler und andere kreative köpfe bei uns anzusiedeln. aber nicht nur die künstler, sondern auch die gewerbetreibenden haben sich schnell damit anfreunden können, dass auf ihrem hof hochkarätige kunstausstellungen stattfinden. für sie war es interessant, durch die ausstellungen eine ganz neue welt kennenzulernen. und für die künstler und künstlerinnen, die ihre ateliers bei uns haben, war es wichtig, auf ihrem gelände weltweit tätige kuratoren, museumsdirektoren und galeristen zu treffen.

in den vergangenen fünf jahren wurde die FAHRBEREITSCHAFT so zu einem ganz besonderen ort, zum synonym für den bewussten umgang mit historie und für freiräume, die kreativität fördern und ein miteinander von kunst und gewerbe ermöglichen. die FAHRBEREITSCHAFT steht damit nicht nur für das, was berlin in der zeit nach dem mauerfall so interessant gemacht hat. sie ist gleichzeitig auch blaupause dafür, wie sich berlin ohne immobilienspekulation und raubtierkapitalismus entwickeln könnte.

am 26. april 2018 hat uns das bauamt von berlin-lichtenberg die ausstellungstätigkeit auf dem gelände aus stadtplanerischen gründen unter androhung von 500.000 euro strafe untersagt. das produzierende gewerbe müsse vor der kultur geschützt werden.

barbara und axel haubrok
berlin 2019


Herzbergstrasse 40-43
Herzbergstrasse 40-43
Herzbergstrasse 40-43
Herzbergstrasse 40-43

Einsatzleitung, Michael Riedel, Dennis Loesch, sk n e st sse (2000)
Einsatzleitung, Michael Riedel, Dennis Loesch, sk n e st sse (2000)
Einsatzleitung, Michael Riedel, Dennis Loesch, sk n e st sse (2000)
Einsatzleitung
Michael Riedel, Dennis Loesch
sk n e st sse, 2000

Außengelände, Andreas Slominski, untitled (tor) (1988)
Außengelände, Andreas Slominski, untitled (tor) (1988)
Außengelände, Andreas Slominski, untitled (tor) (1988)
Außengelände
Andreas Slominski
untitled (tor), 1988

Tankstelle
Tankstelle
Tankstelle
Tankstelle

Neuer Gebäuderiegel und Tankstelle
Neuer Gebäuderiegel und Tankstelle
Neuer Gebäuderiegel und Tankstelle
Neuer Gebäuderiegel
und Tankstelle

Container und neuer Gebäudeblock
Container und neuer Gebäudeblock
Container und neuer Gebäudeblock
Container und
neuer Gebäudeblock

Bilderrahmen Neumann neuer Gebäuderiegel
Bilderrahmen Neumann neuer Gebäuderiegel
Bilderrahmen Neumann neuer Gebäuderiegel
Bilderrahmen Neumann
Neuer Gebäuderiegel

LCL Lackiercentrum Lichtenberg Haus 4
LCL Lackiercentrum Lichtenberg Haus 4
LCL Lackiercentrum Lichtenberg Haus 4
LCL Lackiercentrum Lichtenberg Haus 4

Stephen Prina, untitled, exquisite corpse: the complete paintings of manet, 222 of 556, dames aux éventails (nina de callias) (women with fans) 1874, jeuu de paume, louvre, paris (2011) und push comes to love, untitled (1999-2017)
Stephen Prina, untitled, exquisite corpse: the complete paintings of manet, 222 of 556, dames aux éventails (nina de callias) (women with fans) 1874, jeuu de paume, louvre, paris (2011) und push comes to love, untitled (1999-2017)
Stephen Prina, untitled, exquisite corpse: the complete paintings of manet, 222 of 556, dames aux éventails (nina de callias) (women with fans) 1874, jeuu de paume, louvre, paris (2011) und push comes to love, untitled (1999-2017)
Stephen Prina
untitled, exquisite corpse: the complete paintings of manet, 222 of 556, dames aux éventails (nina de callias) (women with fans) 1874, jeuu de paume, louvre, paris 2011 und push comes to love, untitled, 1999-2017